Risikokapital
Auskommen mit Einkommen
Erstveröffentlichung: 2004
Zum Inhalt
Zur 3. Folge von Auskommen mit Einkommen liegt eine eigenständige Rohfassung vor. Normalerweise arbeite ich nicht mehrere Versionen vollständig aus. In diesem Fall habe ich jedoch zunächst die diskutierten Inhalte innerhalb eines fiktiven Interviews formuliert, um dann in der Endfassung ein wenig Handlung und ein anderes Szenario zu ergänzen.
Endfassung
Nachzulesen in Labournet.de
Rohfassung
Herr Jagnow, Sie betreiben Ihre Familie nach betriebswirtschaftlichen Prinzipien. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Wie alle Gedanken, die nahe liegend, doch zunächst verborgen sind, musste ich nur aus meinem üblichen Blickwinkel heraustreten. Obwohl außer von linken Idealisten nicht bestritten wird, dass marktwirtschaftliche Mechanismen bestmögliche Organisationsformen entwickeln, leistet sich diese Gesellschaft weiterhin Sphären, in denen die Marktmechanismen nicht greifen. Familien gehören dazu.
Aber ist Familie denn nicht auch Raum persönlicher Entfaltung?
Wenn Sie das Wort Familie verwenden, wie es im Sprachgebrauch vorkommt, vielleicht. Ich unterscheide zwischen Familie und Partnerschaft. Meine Frau und ich geben uns Raum für persönliche Entfaltung. Die Familie – also das Verhältnis Eltern und Nachkommen – dient doch eher der Aufzucht.
Man könnte Ihnen vorwerfen, Ihnen lägen die Persönlichkeiten nicht am Herzen.
Ach, ganz im Gegenteil. Wie jeder verantwortungsvolle Unternehmer nehme ich doch auch menschlich Anteil an meinen Untergebenen. Ebenso meine Frau. Es ist doch demografisch erwiesen, dass die soziale Stellung eines Menschen insbesondere von seinem elterlichen Umfeld abhängt. Wer aus armen, d. h. investitionsschwachen, Verhältnissen kommt, erreicht selten ein hohes Bildungsniveau und einen gut bezahlten Arbeitsplatz. Der deutsche Gesetzgeber hat durch seine Bildungs- und Sozialpolitik somit exzellente Voraussetzungen für marktwirtschaftliche Familienführung geschaffen. Sinnvoller Einsatz von Finanzmitteln führt zu zahlungskräftigen jungen Erwachsenen und somit zu hoher Rendite.
Können Sie das unseren Lesern näher erläutern?
Wir haben die vermeintliche familiäre Einheit von Eltern und Kindern durch konsequente Buchhaltung getrennt. Was meine Frau und ich für uns selbst verbrauchen, ist unser Privatvergnügen. Was wir für die Kinder ausgeben, sind Betriebskosten. Das Betriebsvermögen haben wir ursprünglich ausschließlich aus unserem Arbeitseinkommen aufgebaut. Inzwischen haben wir Investoren gefunden und halten durchaus übliche 30 % Eigenkapital an unserer Familie.
Soweit zur Kosten- und Finanzierungsseite. Wie sieht es mit Einnahmen aus?
Nun, die sind zum jetzigen Zeitpunkt gering. Natürlich bringen wir das Kindergeld als staatliche Subvention in die Erfolgsbetrachtung ein. Trotzdem bleibt Familie ein langfristiges Investitionsprojekt, das erst mit der Erwerbstätigkeit der Kinder nennenswerte Einnahmen verzeichnen wird.
Und trotzdem haben Sie Investoren gefunden. Wie stellen Sie sicher, dass die Einnahmen auch tatsächlich Ihrem Familienunternehmen zufließen? Werden Ihre Kinder nicht irgendwann einfach ausziehen und Sie auf den Verlusten sitzen lassen?
Die Kinder verpflichten sich zur Rückzahlung, sobald sie die Volljährigkeit erreichen.
Wie wollen Sie da sicher sein?
Kein junger Erwachsener kann mit 18 bereits auf eigenen Beinen stehen. In fast allen Fällen ist die Ausbildung noch nicht abgeschlossen. Selbst Hauptschüler sind dann noch in der Berufsausbildung und von laufenden Zahlungen der Eltern abhängig. Mit einem Gymnasiasten können Sie erst recht verhandeln, wie lange und wie intensiv er z. B. für ein Studium unterstützt wird. Wir werden dann Bildungsvereinbarungen mit unseren Kindern abschließen, die die Rückzahlung der aufgelaufenen Betriebskosten inklusive einer angemessenen Verzinsung beinhalten.
Aus diesem Geld lösen Sie dann das Fremdkapital aus?
Und erhalten das eingesetzte Eigenkapital zurück, ja. Somit können wir das Konzept nur allen engagierten Eltern empfehlen und helfen auch bei der Umsetzung. Im Augenblick versuchen wir einen entsprechenden Investitionsfond aufzubauen. Je mehr Familienbetriebe beteiligt sind, desto besser ist die Risikostreuung und damit die Chance auf umfangreiches Fremdkapital. Das wiederum erhöht die sozialen Erfolgschancen der Kinder.
Eine Frage zum Abschluss. Ihre Kinder werden ihr Berufsleben mit einer hohen Verschuldung beginnen.
Dafür haben Sie bestmögliche Ausbildung und Arbeitsplätze.
Aber sehen Sie es nicht als Bereicherung an Ihren Kindern?
Nein, nein. Unser Vermögen übernehmen Sie doch spätestens im Erbfall. Das gleicht sich dann aus.
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